There is no „weiches Licht“.

Den Begriff „weiches Licht“ kennt wohl jeder – ob aus Foren, Fotoblogs, Fachliteratur oder durch Gespräche zwischen Fotoexperten am Nachbartisch im Café. Aber was ist das eigentlich? Korrekt müsste man es eher „weichen Schatten“ oder noch genauer „weiche Schattenkante“ nennen. Und auch wenn der Name anderes vermuten lässt, so erzeugt eine Softbox nicht per se eine weiche Schattenkante. Also wie erzeuge ich denn dieses ominöse „weiche Licht“?

Im Prinzip ist es sehr einfach und ich erkläre es mal ganz und gar unfotografisch und ohne jeden Anspruch auf physikalisch korrekte Begrifflichkeiten:

Baustrahler direkt auf meine Kunststoffassistentin gerichtet. Kleine Lichtquelle = Kleiner Randschatten

Baustrahler direkt auf meine Kunststoffassistentin gerichtet. Kleine Lichtquelle = Kleiner Randschatten

Selbstgebauten Diffusor sehr nah ans Model. Sehr große Lichtquelle = Sehr großer Randschatten.

Selbstgebauten Diffusor sehr nah ans Model. Sehr große Lichtquelle = Sehr großer Randschatten.

Diffusor auf halbem Weg zwischen Baustrahler und Model. Mittelgroße Lichtquelle = Klar definierte Kern- und Randschattenbereiche

Diffusor auf halbem Weg zwischen Baustrahler und Model. Mittelgroße Lichtquelle = Klar definierte Kern- und Randschattenbereiche

Baustrahler als kleine Lichtquelle direkt auf das Model gerichtet

Baustrahler als kleine Lichtquelle direkt auf das Model gerichtet

So sah der Aufbau mit dem selbstgebastelten Diffusor aus

So sah der Aufbau mit dem selbstgebastelten Diffusor aus

Selbst mit dem Handy noch ein recht hübsches Ergebnis.

Selbst mit dem Handy noch ein recht hübsches Ergebnis.

Je kleiner eine Lichtquelle im Verhältnis zum fotografierten Model oder Objekt ist, umso härter wird die Kante des Schattens (also der Rand- oder Halbschatten), weil sich nur ganz wenig Licht an Nase, übertrainierten Bauchmuskelvertiefungen oder kompletten Menschen vorbeimogeln kann.

Je größer wiederum die Lichtquelle im Verhältnis zum Model oder Objekt ist, umso größer wird der Randschatten (Hey! Weiches Licht!).

Beispiel?
Hochsommer. Mittag. Wolkenloser Himmel. Perfektes Wetter, tolle Stimmung. Foto von dem oder der Liebsten. Wow!
Zuhause dann die Ernüchterung: Tiefschwarze Augenhöhlen. Schatten wie mit dem Lineal gezogen. Man sieht den geliebten Menschen und fragt sich, wo das rosarotweiche Gefühl gegenüber diesem Totenkopf-Motiv geblieben ist – auf dem Foto vom Vortag, als es total bewölkt war, sah das dann doch irgendwie hübscher aus. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass die Sonne (obwohl sie einen Durchmesser von ungefähr 1,4 Mio. Kilometern hat) eine sehr kleine Lichtquelle ist im Vergleich zum Model, während die Wolkendecke dagegen einfach riesig wirkt.

Gleiches gilt, wenn wir die neue 90 x 90 cm große Softbox 4 Meter entfernt vom Model platzieren und uns dann wundern, dass die gar kein softes Licht macht. Also: Es gibt in der Fotografie kein hartes oder weiches Licht, sondern nur harte oder weiche Randschattenbereiche. Und man braucht nicht zwangsläufig teures Equipment, um ein bisschen mehr Einfluss auf die Bildwirkung zu nehmen. Ein Baustrahler und ein Bettlaken tun es im Zweifelsfall auch.

In meinen Beispielfotos habe ich daher bewusst nur einen günstigen Baustrahler verwendet und einen selbstgebastelten Rahmen, den ich mit milchiger Plastikfolie beklebt habe (Vorsicht: Hitzeentwicklung!). Ein weißes Bettlaken tut’s an der Stelle genauso gut.

Probiert’s einfach mal aus: Verändert nicht die Position des Baustrahlers und spielt dafür mit einem weißen Tuch, das ihr zwischen Model und Strahler haltet.

Je näher das Tuch zum Model ist, umso größer wird die Lichtquelle und umso weicher das Licht – pardon! – der Schatten.

Und irgendwo im mittleren Bereich, wenn die Schattenkante noch leicht erkennbar ist,  wird’s dann eben hübsch. Auch mit ohne teurer Kamera und nur mit dem Handy aufgenommen (siehe letztes Foto).

Um Schattenbereiche besser zu erkennen, hilft es mir übrigens immer, die Augen zusammenzukneifen. Sowohl beim Betrachten von Bildern, als auch beim Shooting. Allerdings sollte das dem Model erklärt werden, damit’s nicht zu irritiert ist, wenn er oder sie mit vermeintlich grimmig, verkniffenen Blick angestarrt wird. 🙂

Viel Spaß beim Spielen zwischen den Laken! Und immer daran denken: Auch hier gibt es kein „richtig“ oder „falsch“, sondern nur die Wirkung die ihr erzielen wollt. 😉

Tipp:
Ein tolles Buch, in dem ich viel zum Thema Licht gelernt habe, ist „Gestalten mit Licht und Schatten“ von Oliver Rausch.